Klima-Aktivisten vs IAA: Der Sand im Getriebe des Neoliberalismus

8. September 2019 19:17 | #Klimawandel #Politik #Protest #Wirtschaft

Klimaaktivisten von Sand Im Getriebe bereiten sich derzeit auf die Blockade der IAA in Frankfurt vor und die Grenzwertfälschungs-Manager machen sich Sorgen und haben Angst vor Umweltschützern:

Die IAA in diesem Jahr wird begleitet von Protesten, wie sie im Autoland unbekannt waren bislang. Für den Samstag in einer Woche ist eine Großdemo angekündigt, das Motto: Aussteigen. Eine Initiative namens “Sand im Getriebe” will am Tag darauf verhindern, dass überhaupt Besucher auf die Messe kommen und den Lamborghinis über die Kotflügel streicheln: Sitzblockaden wird es wohl geben.

In der Branche haben sie jedenfalls ordentlich die Hosen voll. Wer sich in diesen Tagen mit Automanagern unterhält über die wichtigsten Trends, hört nichts von Fahrerassistenzsystemen oder feschen Designs, sondern: Die Proteste sind das Relevanteste. Von Angst ist da sogar manchmal die Rede. Der eine regt sich auf, dass da Menschen mit Sturmhauben vom G20-Gipfel in Hamburg über den Hambacher Forst zur IAA ziehen würden. Ein anderer berichtet von den umfangreichen Vorbereitungen im Polizeipräsidium Frankfurt und von Schutzmaßnahmen.

Die Verwalter des Niedergangs der Industriekultur des 20. Jahrhunderts machen sich völlig zurecht Sorgen. Das Handelsblatt beschreibt grade in einem Artikel das angebliche Dilemma der Automobil-Industrie: Sport Utility Vehicles (SUVs) stellen das meistverkaufte Segment am Markt dar und werden konsequenterweise am intensivsten beworben. Gleichzeitig winkt die EU mit neuen Grenzwerten ab 2020 und Strafzahlungen pro verkauftem Auto, die den Autoherstellern die Bilanzen verhageln werden. Das erfolgreichste Model der Branche wird also mittelfristig unrentabel, während das Produkt Automobil insgesamt und langfristig an Rückhalt in der Gesellschaft verliert.

Ich habe da sehr wenig Mitleid. Praktisch alle Autohersteller haben Jahre damit verschwendet, ihre Anlagen zur Messung von Schadstoff-Ausstoßen zu frisieren und die Ergebnisse zu fälschen und damit ihren eigenen Markt verzerrt, der nun folgerichtig ein Emissionsmonster als angeblich bestes und begehrenswertestes Produkt erzeugt – und das nur aufgrund viel zu billiger Benzinpreise existieren kann.

Hätten sie sich an gesetzliche Vorgaben verhalten, wäre das Ausmaß ihres eigenen Versagens möglicherweise nicht ganz so katastrophal für alle Beteiligten und es ist nur gerecht, wenn CO2-Preise der Branche nun die Produktpalette verteuert und die Manager danke ihrer schlechten Entscheidungen nun der Arsch auf Grundeis geht, als hätte man diesen eigentlich ökonomisch völlig banalen Fixkosten-Punkt nicht seit den 80ern vorausahnen können.

Denn das angebliche Dilemma ist keines, sondern schlichtweg das Ende einer Illusion, die schädlichen Wirkungen der Ausbeutung von Rohstoffen wäre nicht Teil einer ökonomischen Gleichung, man hat diese Kostenpunkte aber aus Gründen der Kostenvermeidung schlichtweg „vergessen“. Oder vielleicht für CEOs verständlicher: Die Kosten der Rohstoff-Extraktion wurden an die planetare Lebenserhaltungsindustrie outgesourced und die präsentiert nun ihre happige Rechnung.

Die Bedingungen wirtschaftlicher Freiheit und des Liberalismus ändern sich gerade und es ist kein Zufall, dass ausgerechnet Konservative und Liberale als politische Repräsentanten der Auto-Industrie darauf nicht vorbereitet sind, denn sie sind nicht wirklich die Parteien der Freiheit, sondern sie sind die Parteien der Bedingungen einer Freiheit, die durch frisierte Bilanzen erkauft wurden. Die Zeit hat einen guten Artikel über genau dieses Ende dieser Illusion des kapitalistischen (Neo-)Liberalismus: „Die Freiheit, die der Kapitalismus in Anspruch nimmt, ist blind für die Abhängigkeit von dem, was man früher einmal Natur genannt hat.“

Die Industrie des Individualverkehrs steht wie keine andere sowohl für den ungezügelten Kapitalismus und seine Technosphäre, die den anthropogenen Klimawandel hervorbrachte, als auch für die erkaufte Freiheit, die dieser Kapitalismus verkörpern will. Es ist nur fair, dass es diese Industrie ist – der sprichwörtliche Motor eines nur scheinbar grenzenlosen Wirtschaftswachstums –, die nun als eine der ersten Branchen in den Fokus der neuen Umweltaktivisten gerät. Fuck your feelings, Automobilbranche.

Das Projekt der Moderne war ein Befreiungsunternehmen, es war die stolze und rechtmäßige Feier der menschlichen Autonomie. Mit rasender Geschwindigkeit, in einem Wimpernschlag der Erdgeschichte, hat es sich von der Übermacht der Natur emanzipiert. Doch jetzt, so scheint es, wird die moderne Gesellschaft von dem eingeholt und bedroht, von dem sie sich so triumphal befreit hat – von der Natur. Sie hat wieder etwas, das größer ist als sie selbst, oder wie ein Konservativer, dem die eigene Überlieferungsgeschichte noch geläufig ist, sagen würde: Sie hat ein Schicksal, und diesmal hat es der Mensch selbst gemacht. Nicht einmal 300 Jahre haben die Planetenbewohner gebraucht, um in aller Freiheit Abermilliarden Tonnen Kohlenstoff in die Luft zu blasen. Sie raubten der Natur die Rohstoffe und fühlten sich frei, die entstandene Lücke mit ihrem Abfall zu füllen. Die große kapitalistische Industrie, wie Karl Marx bemerkte, nahm das Gratisgeschenk der Natur dankbar entgegen. Der Kommunismus übrigens auch.

Was aus diesem Befund für den liberalen Freiheitsbegriff folgt, kann man sich an fünf Fingern abzählen. Wenn die Klimakrise so gewaltig ist, wie die erdrückende Mehrheit der Klimaforscher behauptet, dann hat die Freiheit definitiv keine Wahl mehr, sie muss umsteuern oder, wie einige fordern: Sie muss die Laufrichtung ändern. Freiheit schlägt um in Unfreiheit, denn unter den Bedingungen von Erderwärmung und Artensterben stünde das Ziel allen politischen Handelns immer schon fest, absolut, unverrückbar und für lange Zeit. Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit und reduziert sich darauf, die Folgen früherer Freiheitsentscheidungen zu bekämpfen: Eine Zukunft gibt es nur, wenn es in der Gegenwart gelingt, die Fehler der Vergangenheit zu minimieren.

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