Klimalinks 27.11.2019: Forscher warnen vor 9 aktiven Kipppunkten im Klimasystem; Klimadiskurse im Überblick; Nazis bedrohen Braunkohleproteste

• Im Vorfeld der Abstimmung über die Erklärung eines Klimanotstands der EU haben eine Reihe von Forschern eine gemeinsame Erklärung im Wissenschaftsmagazin Nature abgegeben, in der sie vor einem nicht nur symbolpolitisch gemeinten Notfall warnen, laut dem wir bereits mehrere sogenannte Tipping-Points in atmosphärisch-klimatischen Systemen erreicht hätten und das gesamte Gefüge drohte, in einen sich selbst verstärkenden Treibhauseffekt zu kippen.

Solche Kipppunkte sind etwa auftauende Permafrostböden, die Methan in die Atmosphäre entweichen lassen; veränderte Wolkenbildung, die zu einer weiteren Aufheizung der Ozeane führt oder das Abschmelzen von Polkappen und Gletschern, die weniger Sonnenstrahlung reflektieren können. Erreichen genug dieser Tipping Points ein katastrophales Ausmaß, kippt das komplette klimatische System. (Einen sogenannten Galoppierenden Treibhauseffekt wie auf der Venus ist nach Berechnungen von Klima-Apokalyptiker James Hansen, der mit seinen Voraussagen bislang übrigens richtig lag, übrigens ausgeschlossen, selbst wenn die Menschheit sämtliche fossilen Brennstoffe abfackeln würde – zwar wäre der Planet dann unbewohnbar und 20°C heißer, einen galoppierenden Treibhauseffekt gäbe es aber nicht.)

Nature.com: Climate tipping points — too risky to bet against, Phys.org: Nine climate tipping points now ‘active,’ warn scientists

If current national pledges to reduce greenhouse-gas emissions are implemented — and that’s a big ‘if’ — they are likely to result in at least 3 °C of global warming. This is despite the goal of the 2015 Paris agreement to limit warming to well below 2 °C. Some economists, assuming that climate tipping points are of very low probability (even if they would be catastrophic), have suggested that 3 °C warming is optimal from a cost–benefit perspective. However, if tipping points are looking more likely, then the ‘optimal policy’ recommendation of simple cost–benefit climate-economy models4 aligns with those of the recent IPCC report2. In other words, warming must be limited to 1.5 °C. This requires an emergency response.

• Die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Politik und Zeitgeschehen der Bundeszentrale für politische Bildung widmet sich komplett dem Klimawandel und kostet nichts. Alle Artikel sind im Volltext auch online zu lesen, es geht unter anderem um „Faszinosum Fridays for Future“, eine „Kleine Geschichte der Klimadebatte“, „Nachhaltigkeitstransformation ist eine Sache der Praxis“ und den „Aufbruch in die ökologische Moderne. Vom Raubbau an der Natur zur Kooperation mit der Natur“.

Durch Fridays for Future erfahren das seit Jahrzehnten bekannte Problem des menschengemachten Klimawandels und die Herausforderung, sich über geeignete Ansätze sowohl für seine Begrenzung als auch für eine Anpassung an seine Folgen zu verständigen, eine bisher unerreichte gesellschaftliche Politisierung.

Alte Fragen werden mit neuem Nachdruck diskutiert: Wie lässt sich die Reduktion klimaschädlicher CO2-Emissionen effektiv umsetzen? Welche politischen Weichenstellungen sind prioritär? Welche Rolle können marktwirtschaftliche Mechanismen beim Klimaschutz spielen? Und was tragen Verhaltensänderungen auf individueller Ebene bei? Zugleich wird die Klimadebatte selbst mit Blick auf die sie auszeichnenden Katastrophenszenarien, Verzichtsaufforderungen und verkürzten Darstellungen von Zusammenhängen kritisch reflektiert.

Kluger Kommentar von des geostrategischen Beraters Roderick Kefferpütz zur Rolle von Zentralbanken und Fiskalpolitik in einer Ökonomie, die klimasystemische Bedingungen reflektiert und in die Bewertung von Investitionen und Kapitalgütern mit einbezieht. Er betont darin die äußerst schwache Wirtschaftspolitik Deutschlands unter den Bedingungen des Klimawandels und fordert wie yours truly eine Erweiterung der Risikobewertungen. Der Kampf gegen den Klimawandel wird an zwei Orten gekämpft: Auf der Straße und im Hambi – und in den Büros von Versicherungen und Banken. Beide dürften schon sehr bald eine sehr seltsame Symbiose bilden.

With just a few changes in monetary policy, CO2 emissions in the corporate and bank bond portfolio could be reduced by 44 per cent, says Dirk Schoenmaker, Professor of Banking and Finance at Erasmus University in Rotterdam. Banks, hedge funds, insurance companies and rating agencies would all take climate aspects into account in their evaluations and investment decisions. “A decade after the world bailed out finance, it’s time for finance to bail out the world,” writes economic historian Adam Tooze. Christine Lagarde, the new head of the ECB, has already announced that the debate on how central banks can contribute to climate protection is a priority.

Braunkohleproteste in der Lausitz: Nazis bedrohen Klimaaktivistinnen: Gegen Ende Gelände formiert sich breiter Gegenprotest auch von rechten Gruppierungen. Aktivistinnen reagieren mit Sicherheitskonzepten.

• Das UN Environment Programme hat ihren jährlichen Emissions Gap Report vorgelegt, der die Lücke zwischen den realen CO2-Emissionen und den Ausstößen beschreibt, die zur Einhaltung des Pariser Abkommens mit einer Begrenzung auf 1,5°C Erderwärmung nötig sind. Laut Bericht müssen wir ab sofort jedes Jahr 7,6% weniger Treibhausgase ausstoßen um das Abkommen einzuhalten und wir befinden uns auf einem Weg zu einer Erderwärmung von 3,2°C.

Earther: UN Report Says This is Our Last Shot to Take Action on Climate Change, Buzzfeed: “We Cannot Afford To Fail”: A New UN Report Is Forecasting Potentially Catastrophic Warming, hier das Dokument als PDF.

• Immerhin, aber lange nicht genug: Der Anteil von Energiegewinnung durch Kohle soll laut projizierten Zahlen 2019 erstmals um 3% sinken: Global coal power set for record fall in 2019.

• Guter, böser Artikel über die Geschäfte von Big Tech und Ölindustrie: Oil is the New Data: Big Tech is forging a lucrative partnership with Big Oil, building a new carbon cloud that just might kill us all.

Inside Fridays for Future – Wie organisiert man die Bewegung?

Vor Klimastreik- und Anti-Kohle-Aktionen – “Beim Klimaschutz ist die große Koalition handlungsunfähig“: In mehr als 500 Städten Deutschlands und 150 Ländern weltweit planen “Fridays for Future” und andere Gruppen für kommenden Freitag Klimastreik-Aktionen. Im Vorfeld fordern die großen Umweltorganisationen von der Bundesregierung, die Anti-Windkraft-Gesetzgebung vom Tisch zu nehmen.

Klima-Protestwoche an den Universitäten: Seit Montag haben Studierende an über 80 Hochschulen zum Klimaausstand aufgerufen – und viele Dozenten ziehen mit.

Weltweite Klimaproteste von Afghanistan bis Kanada: Vom globalen Süden bis zum globalen Norden: Am 29. November finden weltweit Klimaaktionen statt. Wo sind die Hotspots?

• Sehr, sehr ausführliche Sammlung von Argumenten gegen die häufigsten Scheinargumente von Klimawandel-„Skeptikern“: How to Talk to a Climate Skeptic: Responses to the most common skeptical arguments on global warming.

Bundespressekonferenz zum zweiten Monitoring-Bericht zu Klimawandelfolgen der Bundesregierung

India’s Ominous Future: Too Little Water, or Far Too Much: THE MONSOON IS CENTRAL TO INDIAN LIFE AND LORE. It turns up in ancient Sanskrit poetry and in Bollywood films. It shapes the fortunes of millions of farmers who rely on the rains to nourish their fields. It governs what you eat. It even has its own music. Climate change is now messing with the monsoon, making seasonal rains more intense and less predictable. Worse, decades of short-sighted government policies are leaving millions of Indians defenseless in the age of climate disruptions – especially the poor.

[Fun Fact: Die Anzeige auf der Website der NYTimes in diesem Artikel über die Auswirkungen des Klimawandels auf den Monsun-Regen in Indien kam von Exxon lol.]

Ausstoß von Distickstoffmonoxid – Lachgas-Problem größer als gedacht: „Lachgas ist ein sehr starkes Treibhausgas – von dem die moderne Landwirtschaft beim Düngen weit mehr freisetzt als angenommen. Das fanden norwegische Forscher heraus. Beunruhigend für den weltweiten Klimaschutz ist ihre Studie noch aus einem anderen Grund.“

• Interessante Materialsammlung zur Konferenz der Berliner Gazette: HOW CAN WE COOPERATE ACROSS BORDERS TO TACKLE CLIMATE CHANGE?

Gutes Interview mit Philosoph Sudesh Mishra über die Entfremdung des Menschen von seiner Umwelt im kapitalistischen System. Klingt alles erstmal sehr verschwurbelt und etwas esoterisch, ergibt aber hintenraus Sinn.

• Podcast von HR2 Der Tag über Post-Wachstum: Verzicht – das gönn ich mir!

Freiwillig auf etwas verzichten, wer macht denn sowas? Unser ganzes Gesellschaftsmodell beruht auf Wachstum. Mehr kaufen, mehr reisen, mehr konsumieren, mehr erleben. Ob uns das persönlich glücklich macht, sei dahin gestellt. Klar ist: das System hat extreme Schattenseiten. Über die Grenzen des Wachstums ist schon viel geschrieben worden, nun zwingt uns auch der Klimawandel unsere Lebensweise zu überdenken. Dabei muss Verzicht nicht einmal weh tun. Wer statt mit dem Auto mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren kann, kommt viel frischer und entspannter an und hat den Sport gleich inklusive. Wer sich nur ab und zu etwas Besonderes gönnt, der wird es viel mehr genießen. Und trotzdem hat der Verzicht einen schlechten Ruf. Versuchen wir uns also an Imagepflege: Ist Verzicht unverzichtbar? Und ist die Konzentration auf das Wesentliche überhaupt Verzicht oder nicht eine unschätzbare Bereicherung des Lebens?

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